Donnerstag, 9. Juli 2015

Spitzen- Problem

Choupo-Moting, Platte und Huntelaar sind nicht genug: SCHALKE 04 sucht weitere Sturm-Alternative. 

Felix Platte ist nicht einmal 20 Jahre alt und hat schon geschafft, wonach sich alle Schalker seit mehr als einem halben Jahrhundert sehnen: Er ist ein deutscher Meister in Königsblau. Der torgefährliche Teenager gehörte zu den Leistungsträgern der U-19-Bundesligamannschaft, die sich kürzlich den nationalen Titel sicherte. Darüber hinaus durfte der Angreifer bereits zweimal im Herren-Oberhaus und einmal sogar in der Champions League gegen Real Madrid mitspielen. Es ist gut möglich, dass sein Talent künftig auf großer Bühne häufiger gefragt sein wird. Platte gehört seit diesem Sommer nicht nur formal fest zum Schalker Profikader (Vertrag bis 2018), sondern er darf durchaus auf Einsätze hoffen. Denn Schalke hat ein Spitzen-Problem – nicht qualitativ, vielmehr quantitativ.

Klaas Jan Huntelaar (31) und Eric Maxim Choupo-Moting (26, auch auf dem Flügel einsetzbar) sind – abgesehen von eben jenem Platte sowie Leroy Sané (19) – die einzigen Angreifer, die im Schalker Sturmzentrum für viel Wind sorgen können. Dem neuen Trainer André Breitenreiter ist das ein zu überschaubarer Kreis, zumal der Niederländer Huntelaar und Kameruns Nationaltorjäger Choupo-Moting nicht nur einer Dreifachbelastung durch Bundesliga, Europa League und DFB-Pokal ausgesetzt, sondern zudem regelmäßig für ihre Länder unterwegs sein werden. Daher ging die Meinung bei Manager Horst Heldt und Breitenreiter in diesem Punkt nicht auseinander: Schalke braucht einen weiteren Stürmer. Breitenreiter, früher selbst Torjäger und nach wie vor mit 15 Treffern Rekord-Bundesligatorschütze der SpVgg Unterhaching, konkretisierte öffentlich bereits sein Anforderungsprofil. „Ich möchte einen, der oft trifft, kopfballstark und schnell ist, die Bälle festmacht und viel laufen kann“, sagt der 41-Jährige, der genau weiß, dass zwischen seinem geäußerten Wunsch und der von Heldt erfüllbaren Wirklichkeit eine große Lücke klafft.

Deshalb schränkt er im selben Atemzug bereitwillig ein: „Was wir am Ende daraus bekommen, werden wir sehen. Bisher haben wir ein paar Ideen, aber noch nichts Konkretes.“ Konkret ist hingegen seine Marschroute: „Ich möchte, dass wir schnell nach vorne spielen und dadurch viele Chancen bekommen, Tore zu erzielen. Ich bin kein Freund davon, den Ball 28-mal hintenrum zu schieben“, betont Breitenreiter und kündigt eine „laufintensive“ Herangehensweise in der neuen Saison an. Ein Schwerpunkt in der ersten Zeit der Vorbereitung wird sein, „dass wir das Offensivspiel in Ballbesitz beherzigen“. Dem Coach schwebt vor, dass sein Team angriffslustig agiert und den Gegner schon in dessen Territorium attackiert. Nicht nur darauf sollte der potenzielle neue Stürmer Lust haben – er muss auch gewillt sein, defensiv auszuhelfen. Die ersten Analysen des frischen Schalker Trainerteams haben laut Breitenreiter „ergeben, dass die Rückwärtsbewegung nach Ballverlusten nicht die beste war“.

Säbener Samba

Neuzugang Douglas Costa (24) ist Bayerns bislang teuerster BRASILIANER. Die meisten seiner elf Vorgänger erwiesen sich für die Münchner als Verstärkung. 

Alles begann mit einem Missverständnis. Im Sommer 1991 präsentierten die Bayern mit Bernardo und Mazinho die ersten Brasilianer ihrer Vereinsgeschichte und glaubten felsenfest daran, einen großen Wurf gelandet zu haben. Umso größer die Enttäuschung, als Bernardo nur auf mickrige vier Bundesligaspiele kam und sich Mazinho nie als der zuverlässige Torjäger erwies, als den ihn die Bayern verflichtet hatten. Die Bayern lernten aus diesem Fehler. Sie verzichteten seither aber nicht etwa auf Fußballer aus dem Land des mittlerweile fünfmaligen Weltmeisters – sie holten sie nur nicht mehr direkt nach Europa, sondern pickten sich die Stars heraus, die sich in der Bundesliga bereits etabliert hatten. Nur einmal wichen sie von dieser Linie seitdem ab, und es ging im Fall von Breno auf höchst tragische Weise schief. Der Innenverteidiger reüssierte sportlich nie, landete am Ende als verurteiler Brandstifter im Gefängnis. Bedienten sich die Bayern aber in Leverkusen (Jorghino, Zé Roberto, Lucio), beim VfB Stuttgart (Giovane Elber), in Hoffenheim (Luiz Gustavo) oder in Mönchengladbach (Dante), dann erwiesen sich diese Spieler als Verstärkung.

Paulo Sergio und Rafinha kannten die Bundesliga ebenfalls, sie wechselten über die Zwischenstation Italien an die Säbener Straße. Vor allem Elber und Zé Roberto, die die meisten Partien aller bayerischen Brasilianer absolvierten, standen für Säbener Samba. Elber und Paulo Sergio gewannen mit dem Rekordmeister die Champions League 2001, Dante, Rafinha und Luiz Gustavo taten es ihnen zwölf Jahre später gleich. Lucio blieb dieser Erfolg verwehrt, 2009 hatte der neue Trainer Louis van Gaal keine Verwendung mehr für den gerne und oft nach vorne marschierenden Innenverteidiger. Der wechselte zu Inter Mailand und holte sich am Ende seiner ersten Saison den Henkelpott – im Finale gegen die Bayern. Nun also Douglas Costa, der sich zwar fünf Jahre bei Schachtar Donezk in Europa akklimatisieren konnte, für den die Bundesliga aber dennoch Neuland bedeutet. „Ich denke, im Moment ist Douglas noch nicht stark genug für Bayern“, sagte ausgerechnet sein Ex-Trainer Mircea Lucescu der Bild am Sonntag. Deshalb muss es aber noch lange nicht enden wie bei Bernardo und Mazinho, „er kann da reinwachsen und es schaffen“, glaubt Lucescu. Bei der Ablöse von 30 Millionen Euro sollte man das auch erwarten dürfen.

Der ANTI-KLOPP

Die ersten Tage als BVB-Trainer liegen hinter THOMAS TUCHEL (41). Einige Unterschiede zu seinem Vorgänger Jürgen Klopp lassen sich erkennen. 

Die sommerliche Vorbereitungsphase ist für Profifußballer immer auch die Zeit der ganz großen Erkenntnisse. Man tingelt über die Dörfer, tritt in Kontakt zur Basis und lernt (mal mehr, mal weniger) Land und Leute kennen. BVB-Innenverteidiger Neven Subotic beispielsweise weiß seit dem Ausflug zum VfL Rhede am Freitag, was das Königspaar eines Schützenvereins ist (Subotic: „Ich fand es einfach süß“). Und auch für Thomas Tuchel hielt das Testspiel mit viel Folklore beim Landesligisten einige wertvolle Erkenntnisse bereit, beispielsweise die, dass Pressevertreter in Rhede unerbittlich sein können. Nach Tuchels erstem Spiel als BVB-Trainer, das ohne Probleme 5:0 gewonnen wurde, war eine kurze Pressekonferenz angesetzt. Die erste Nachfrage eines Journalisten ging (wie alle weiteren) an Tuchel und war eher Feststellung, denn Erkundigung: „Herr Tuchel, Sie waren zu spät.“ Stille im Raum. Tuchel, sichtlich überrascht, musste sich kurz sammeln, dann folgte eine sachliche Erklärung. „Ja, aber ich habe Autogramme geschrieben“, rechtfertigte er sich: „Ich war zum Anpfiff da, aber nicht auf meinem angestammten Platz.“ Sein Vorgänger hätte (je nach Tagesform) den Fragesteller wohl entweder abgekanzelt oder aber mit einem lockeren Spruch gekontert. Tuchel aber ist nicht Jürgen Klopp.

Auch wenn erst eine Woche vergangen ist und man mit allen Einschätzungen noch sehr vorsichtig sein muss, haben sich in dieser Hinsicht bereits einige Unterschiede zwischen den beiden ehemaligen Mainzer Trainern offenbart. Zunächst einmal zeigt sich das beim Auftreten. Man kann Tuchel nicht vorwerfen, dass er sich am Freitag und Samstag vor den Fans versteckt hätte. In Rhede schrieb der 41-Jährige vor dem Spiel Autogramme, er tat es nach dem Spiel, und er tat es sogar in der Halbzeit, was zur Folge hatte, dass er die Pausenansprache weitestgehend seinen Assistenten überlassen musste. Auch am Samstag gab er sich volksnah, schrieb erneut geduldig Autogramme. Nur, so zumindest der erste Eindruck, außerhalb dieser feststehenden Termine legt Tuchel bei der täglichen Arbeit auch Wert auf etwas Abstand zu Fans und Medien. Er ist wohl kein Volkstribun, wie das „Kloppo“ war, der über weite Strecken seiner sieben Jahre in Dortmund sehr offen auf Fans und auch die Presse zugegangen war. Anders als bei vergleichbaren Klubs wie dem FC Bayern oder Schalke 04 gab es in der ersten Woche unter Tuchel beim BVB kein öffentliches Training.

Nach den ersten Tagen hatte es daher bereits kritische Bemerkungen gegeben. Dortmunds neuer Trainer, der seit drei Wochen in der Stadt lebt, versprach am Samstag, die Fans beim Training auch mal zuzulassen. Zudem wehrte er sich dagegen, dass er die Öffentlichkeit außen vor lasse. „Ich verstecke mich nicht. Ich lerne täglich Leute kennen. Auf dem Spielplatz, in meiner Nachbarschaft und da, wo ich einkaufe“, sagte der Familienvater und kündigte an: „Begeisterung, Freundlichkeit und Offenheit sind ein ganz wesentliches Merkmal dieses Vereins. Wir haben schon vor, da ganz einzutauchen.“ Im Gegensatz zur Rampensau Klopp, der als Imageträger für den BVB von unschätzbarem Wert war, ist Tuchel kein Entertainer, kein Sprücheklopfer. In Rhede versuchte er durchaus, den einen oder anderen Scherz anzubringen. Sein Humor ist aber nicht so brachial wie der von Klopp, eher feiner, was aber auch ein angenehmer Kontrast sein kann. Gewisse Unterschiede lassen sich darüber hinaus in der Trainingsarbeit erkennen, auch wenn hierbei ebenfalls gilt, dass erst eine Woche der Vorbereitung hinter den Beteiligten liegt.

Neben konditionellen Aspekten stand in den bisherigen Einheiten vor allem die (Grundlagen-) Arbeit mit dem Ball auf dem Programm. „Bei Kloppo haben wir uns hauptsächlich um die Defensive gekümmert. Mit Tuchel ging es in den ersten paar Tagen darum, was wir mit dem Ball machen, wie wir uns aufstellen. Es ging um Passwege und Passformen“, berichtete Subotic, der Tuchel als „sehr professionell“ beschrieb: „Man merkt, er hat einen Plan, den er verfolgt. Er arbeitet sehr akribisch. Es geht wirklich um jedes Detail, wohin man den Ball spielt, mit welchem Fuß und in welchen Fuß. Er möchte Passgenauigkeit und eine klare Spielart.“ Diese Dinge waren auch im Training und im ersten Test zu beobachten. Tuchel griff immer wieder korrigierend ein, gab Anweisungen und murmelte am Freitag an der Seitenlinie häufiger Beobachtungen vor sich hin, was mitunter so wirkte, als führe er Selbstgespräche.

In Rhede sorgte das Ganze dafür, dass ein Reporter fragte, ob er unzufrieden gewesen sei, was Tuchel verneinte: „Ich wollte mich nicht nur auf meinen Stuhl setzen und die Dinge über mich ergehen lassen.“ Am Freitag wie auch am Samstag beim 17:0 gegen das „Team Gold“ (eine Auswahl von Spitzenathleten aus anderen Sportarten), bei dem der BVB beide Male mit einem leicht abgewandelten 4-1-4-1 spielte, ergab sich zwangsläufig, dass Dortmund erheblich mehr Ballbesitz hatte. Tuchel sprach allgemein davon, eine „Weiterentwicklung“ anzustreben. Um die Laufwege und das taktische Verhalten einzustudieren, werden daher das Training und die Testspiele aufgezeichnet, zudem tragen die Spieler GPSWesten. Das ist weder in Dortmund noch in der Branche vollkommen neu, zeigt aber, dass man unter Tuchel mit einem wissenschaftlichen Ansatz arbeitet. Wohin der führt, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen.

Kopf mit Herz

Mit JOHANNES GEIS (21) soll das Schalker Spiel schneller werden. Horst Heldts Königstransfer hat das Zeug dazu, doch er braucht auch den richtigen Nebenmann dafür. 

Ein ganze Saison lang war der Geis heiß. Sportlich gesehen. Denn die vergangene Runde markiert in der Karriere des Johannes Geis eine Zäsur. Einst als nicht gerade diszipliniertes Genie verschrien, erarbeitete er sich in der abgelaufenen Spielzeit bei Mainz 05 den Status eines Führungsspielers – mit 21 Jahren. Vier Tore, vier Assists und ein Notenschnitt von 3,30 (ähnlich wie in der Vorsaison) bürgen für die bislang beste Phase des U-21-Nationalspielers im Profifußball. Und die sorgte dafür, dass auch der Preis für den Geis heiß wurde. Richtig heiß. Erst der AC Mailand, später Borussia Dortmund, der VfL Wolfsburg und Lazio Rom buhlten um den Rechtsfüßer. Das Rennen gemacht hat Schalke 04. Für stolze 10,5 Millionen Euro, die sich nach Medien-Informationen einsatz-, erfolgs- und weiterverkaufsorientiert ordentlich mehren können. Die Aufgabe, die ihm im System von André Breitenreiter zukommt, rechtfertigt die hohen Ausgaben. „Er hat nachgewiesen, dass er trotz seines jungen Alters zu den besten Sechsern in Deutschland zählt“, sagt der neue Trainer der Königsblauen. Die haben Geis mit der Erwartung verpflichtet, einen Stammplatz als zentraler Umschaltspieler einzunehmen.

Der gebürtige Unterfranke soll dem pomadigen Aufbau Verve verleihen. Geis kann das. Übersicht, Blick für den freien Mann – und lange Bälle zum Zungeschnalzen. Vor allem die hat Geis im Fuß. In vielen Extraschichten trainiert, jagt er diese wohltemperiert über den Platz, perfekt in den Lauf der Bahnspieler. Nicht zuletzt das war ein Grund, weshalb ihn Umschalt- Liebhaber Thomas Tuchel zu Mainz 05 holte und auch zum BVB lotsen wollte. Sommervorbereitung 2013/14, kurz vor Saisonstart. Geis ist gerade mit der Empfehlung von acht Bundesliga-Einsätzen von Greuther Fürth nach Mainz gekommen. Tuchel nimmt ihn beiseite, sagt: „Solange du Willen zeigst, passiert nichts. Du bist ein junger Spieler. Du brauchst keine Angst zu haben, mach deine Fehler.“ Viele begeht er nicht. In Abwesenheit des verletzten Elkin Soto wird er Stammspieler. „Johannes lässt sich auch von Rückschlägen nicht beeindrucken“, sagt Konrad Fünfstück, heute U-23-Trainer in Kaiserslautern, bis 2013 in Fürth. Er fing den damals 19-Jährigen mit auf, als Mike Büskens Geis in Franken von den Profis zu den Amateuren degradierte. „Er hat dann viele Extraschichten gemacht, immer aus seinem eigenen Willen heraus“, blickt Fünfstück (34) zurück.

Geis sagte später einmal: „Rückblickend war es von Büskens top, dass er mir so einen Denkzettel verpasst hat.“ Denn der junge Geis ist nicht unbedingt das, was man sich unter einem Musterprofi vorstellt. Mit Kumpel Felix Klaus lebt er in der Fürther Jugend in einer Wohngemeinschaft außerhalb des Internats. Die Pizza-WG, sagen sie im Ronhof spöttisch. „Irgendwann haben wir verstanden, dass wir unseren großen Traum nur wegen des Essens nicht gefährden dürfen“, erklärte Geis einmal. Was wie eine schmonzettenhafte Nebenhandlung klingt, hat durchaus Programmcharakter in der Karriere des Standardspezialisten. Geis neigte dazu, sich schnell mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Deshalb hat sich Christian Heidel auch einiges anhören dürfen, als er und Tuchel ihn 2013 nach Mainz holten. „Viele haben gesagt, der packt das nicht“, sagt der FSV-Manager. Doch weil Geis die verfrühte Genügsamkeit mit sich selbst Schritt für Schritt abstellte, packte er es sehr wohl.

Und wie. 33 Ligaspiele in der ersten Saison (ein Tor, sieben Assists), um im zweiten Jahr endgültig zum Taktgeber zu reifen. „Johannes ist als Typ so gesettelt, dass er die Herausforderung Schalke 04 annimmt. Er kann für diese Mannschaft ähnlich wichtig werden wie für Mainz 05“, sagt Heidel. In Rheinhessen war er Kopf des Spiels, vor allem aber zeigte er immer Herz. In jeder Partie lief Geis heiß, nach dem Schlusspfiff war er oft heiser. Weil er Kommandos gibt, weil er anpeitscht, weil er sich aufgrund seiner zentralen Position auch als emotionaler Leader begreift. Diese Leidenschaft kann für ihn auf Schalke ein Vorteil sein. Geis hat den naturgemäßen Anspruch, eine Leitfigur zu sein. Doch würde er diesen niemals allein über sein Auftreten einfordern, sondern zuallererst über seine Leistung. So scherte er auch bei der U-21-Europameisterschaft nicht aus, als Trainer Horst Hrubesch überraschend erst Moritz Leitner und dann Joshua Kimmich den Vorzug gab. „Das Team steht über allem. Ich stecke gerne zurück, wenn wir ins Finale kommen und den Titel holen“, sagte Geis in Tschechien.

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis er im ausgesprochen integrativen Schalker Führungszirkel um Benedikt Höwedes, Klaas Jan Huntelaar, Ralf Fährmann und Julian Draxler ankommt – sofern das Sportliche stimmt. In Paderborn agierte Breitenreiter im Aufstiegsjahr oft mit einem 4-1-4-1, in der Bundesliga meist mit zwei, manchmal mit drei Mann vor der Abwehr. Der Königstransfer von Sportvorstand Horst Heldt alleine auf der Sechs, das scheint schwer vorstellbar. Zwar hat Geis an Dynamik deutlich zugelegt, doch er ist nicht der Schnellste. Weder im Antritt noch in der Endgeschwindigkeit. Probleme kann es geben, wenn die Knappen das Feld nicht eng bekommen. So war es in Mainz im vergangenen Jahr häufig unter Kasper Hjulmand, der Geis im eigenen Aufbau als Gestalter zwischen die Innenverteidiger zog. Dann fehlte er eine Reihe weiter vorne im Gegenpressing, erst Martin Schmidt korrigierte das wieder.

Und so konnte Geis im Saisonfinale neben seinen Qualitäten als Ballverteiler seine zweite große Stärke wieder besser einbringen: Er ist ein exzellenter, unheimlich geschickt mit dem Körper arbeitender defensiver Zweikämpfer, wenn er direkten Zugriff auf den Gegner hat. In Mainz war der enorm laufstarke Julian Baumgartlinger der perfekte Nebenmann. Der Österreicher sagt: „Er geht mit Druck hervorragend um, hat weder Angst noch Respekt im negativen Sinn. Das ist für sein Alter nicht selbstverständlich. Geisi macht viel im Aufbau, ich habe viel um ihn herumgespielt und Löcher gestopft.“ Räume schließen mit Auge, Balleroberung und mit maximal zwei Kontakten klug den Gegenstoß einleiten. Was einfach klingt, ist die Basis für funktionierendes Umschaltspiel, wie es Breitenreiter praktiziert und wie es Geis perfektionieren kann. Auf Schalke kämpfen Leon Goretzka, Marco Höger und Roman Neustädter, der womöglich noch geht, um den zweiten Platz auf der Doppelsechs. Es wird auch darauf ankommen, dass die Lunge neben dem Kopf mit Herz funktioniert.